Besichtigung der Ausstellung nach Vereinbarung: lehmann.salon.dresden@gmail.com

Volkmar Herre hat seine künstlerischen Positionen in über sechs Jahrzehnten entwickelt.
Fotografie bedeutet ihm Magie von Licht, Raum und Zeit. Die ausgestellte transzendente
Bildwelt, die herkömmlichen Kriterien der Fotografie kaum mehr entspricht, nennt er
»Herrografie«.
Volkmar Herre wurde 1943 in Freiberg geboren und lebt seit 1986 in Stralsund. In der
Kindheit erhielt er musische Erziehung, hatte viele Hobbys und die Fotografie spielte in der
Familie eine besondere Rolle. August Kotzsch (1836–1910), der ab 1860 in Loschwitz bei
Dresden als Fotograf mit dem Nass-Kollodium-Verfahren wirkte, ist mütterlicherseits sein
Urgroßvater. Mit dessen Bildern ist er aufgewachsen und frühzeitig entwickelte sich der
Wunsch, auch Fotograf zu werden.
Dem Abitur folgte die Ausbildung zum Akzidenz-Schriftsetzer in Freiberg. Das Studium
1963–1968 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig wurde mit dem Diplom als
Fotografiker abgeschlossen.
Auftragsfotografie für Verlage und Museen umfasste Architektur und museale Objekte
unterschiedlichster Art, bei denen die Fotografie im Dienst der Kunst steht. Freie
Fotografie galt vor allem den Sujets Landschaft und Natur. Wie kaum ein anderer hat er
über Jahrzehnte die Insel Rügen für sich künstlerisch erschlossen. Schon den Bildern der
1960er Jahre wurde eine Nähe zu Caspar David Friedrich nachgesagt. 1994 rückte die
Urnatur der Insel Vilm mit dem Sujet Baum in den Mittelpunkt des Schaffens und prägte
ein ganzheitliches Naturverständnis von Werden und Vergehen. 1997 führte die
Besinnung auf die Camera obscura zu neuer Ausdrucksstärke. Ein vom Licht der Natur
durch ein Loch im Dunkel erscheinendes mattes Abbild mittels langer Belichtung in ein
mystisch strahlendes Sinnbild zu verwandeln, fasziniert ihn ohnegleichen.
Mit diesen Erfahrungen entstehen seit 2013 Bilder »grenzenloser« Zeit.

Herrografie
Fotopapier wird in »Lochkästen« beliebig lange belichtet – Stunden, Tage, ein Jahr … Die Sonne »malt« auf dem Papier augenblicklich ihr Abbild als Punkt, der mit der Zeit zur Linie wird und ihren Tages- bzw. Jahreslauf dokumentiert. Das Motiv gesellt sich allmählich in
einer Art Symbiose dazu. Konkretes entschwindet, Unsichtbares wird sichtbar. Die ohne chemische Entwicklung entstandenen Bildspuren werden digital fixiert. Der erhaltene Rohzustand« wird subjektiv ausgeformt.
Der Betrachter begegnet Bildern suggestiver Entrücktheit und gelangt vielleicht zum Staunen, wie sich durch Zeit das Wesen der Dinge, anders als unsere Wahrnehmung,
offenbart. Diese Transzendenz öffnet unendliche Räume für Fantasie, Sehnsucht und Reflexionen des Seins.
Auf einen Kaffee mit Volkmar Herre
„Meine Bilder sind Andachtsbilder und sorgen für Entschleunigung“
Der 1943 in Sachsen geborene Fotograf und Buchgestalter Volkmar Herre interessierte sich schon als Zwölfjähriger mit einer Box für die Fotografie. Im Berufsleben kamen für vielfältige Aufgaben großformatige Fachkameras zum Einsatz. Heute gehört er zu den international bekanntesten Vertretern linsenloser Fotografie, die das Abbildprinzip der „Camera obscura“ nutzt, das schon in der Antike bekannt war. Die von ihm praktizierten Langzeitbelichtungen, die bis zu einem Jahr dauern können, kennzeichnet er als „Herrografie“. Wir treffen uns im Kontor von rügendruck, wo ein immerwährender Kalender soeben fertiggestellt wurde.
Sie haben gemeinsam mit rügendruck gerade Ihren Kalender mit dem schönen Titel „Naturschau“ fertiggestellt, was sieht man denn darin?
In meinen immerwährenden Kalendern sieht man Naturbilder, die alle auf Rügen entstanden sind. Das scheinbar Vertraute wirkt jedoch wie eine fremde geheimnisvolle Welt und führt den Betrachter in das Reich der Transzendenz. Auch wenn ich meine Motive immer auf der Insel Rügen finde, könnten sie in der weiten Welt entstanden sein. Dann sieht ein Kreidebild aus wie ein Lavastrom, man denkt an Wüstenbilder oder vielleicht an Felsformationen in Spanien. Abbilder schaffen – das kann heute jeder. Doch mir ist wichtig eine Verwandlung, die uns in Staunen versetzt.
Die Kalender haben kein Kalendarium und erfüllen auch sonst nicht den Zweck, das Leben nach Termin zu organisieren.
Ich habe schon mehr als 30 Kalender-Jahrgänge in unterschiedlicher Gestaltung, sowohl schwarzweiß als auch farbig veröffentlicht. Seit 1999 sind es ausschließlich Bilder, die mit einer linsenlosen Camera obscura entstanden sind. Konstant ist das Druckformat von 62 x 45 Zentimetet. Der neue Kalender lädt durch den Dreiklang von Bild, Bildtitel und einem Zitat zur Kontemplation ein. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Das Januarblatt hat den Titel „Plateau“. In der Realität sind es Kreideklüfte bei der Victoriasicht, aber hier in einer Fremdheit durch Licht. Zum Bedenken steht von dem japanischen Samurai Miyamoto Musashi ein Zitat dabei: „Du musst verstehen, dass es mehr als einen Weg zur Spitze des Berges gibt.“
Dies wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, wo doch für viele der Alltag nach dem Prinzip „Schneller, höher, weiter“ verläuft.
Meine Bilder sind Andachtsbilder und sorgen für Entschleunigung. Das beginnt bei der Entscheidung für die Lochkamera und eine einzige Belichtung. Das kann wenige Minuten aber auch eine halbe Stunde dauern. Ich muss allein sein und empfinde das Warten als Geschenk. Ich schwinge mich emotional auf die jeweilige Natursituation ein, die Brandung der Ostsee, der Wind in den Bäumen, ziehende Wolken. Die Zeit, in der das Bild entsteht, – man kann es gar nicht beschreiben, wie schön das ist – ein wenig wie ein Rausch. Obwohl es Anspannung ist und Kräfte verzehrt, gibt es auch viel Kraft.
Wie arbeiten Sie denn konkret? Müssen sie viel Ausrüstung mitnehmen?
Ich trage meist zwei „Geschwister“ hölzerner Lochkästen, einige Kassetten für Filme im Format 9 x 12 Zentimeter, einen kleinen Belichtungsmesser und ein stabiles Stativ, das schon seit über 60 Jahren in Gebrauch ist. Meistens habe ich bei meinen Touren genaue Vorstellungen, was ich suche, aber es kann auch ganz anders kommen, wenn mich Motive überraschen. Was viele für scheußliches Wetter halten, ist das bester Wetter für meine Fotografie. Eine schöne Freiheit meiner künstlerischen Arbeit.
In ihrem Werk gibt es vorwiegend Aufnahmen in Schwarzweiß. Was bedeutet Ihnen diese Reduktion?
Die Fotografie hat vor 200 Jahren einmal so begonnen. Als ich mir die Fotografie in der Schulzeit aneignete, meine Ausbildung erhielt, dann an der Hochschule für Buchkunst und Grafik in Leipzig studierte und später in der beruflichen Praxis, waren die Ergebnisse der Farbfotografie oft noch unbefriedigend. Heute ist man mit Schwarzweißfotografie fast ein Exot. Für mich bedeutet aber Schwarzweiß, wie dem Fotografen Andreas Feininger im 20. Jahrhundert, die „Hohe Schule“ der Fotografie – in einer Handhabung, dass man Farbe nicht vermisst und in allen möglichen Varianten die Sinneszellen im Auge aktiviert.
Welche Rolle spielt denn die Insel Rügen für Ihre Arbeit?
Rügen ist meine „Liebesinsel“ – als Kind kam ich aus dem sächsischen Freiberg das erste Mal an die Ostsee. Die Faszination des Meeres wurde im Laufe der Zeit immer stärker. In den 1960er Jahren wurde Rügen während vieler Studien zu meinem Atelier. Es bildete sich hier ein Humus für alle weitere künstlerische Entwicklung. Es ist zwar immer wieder Rügen – aber letztlich finde ich hier die ganze Welt!
Was zeichnet denn die Aufnahme mit der Lochkamera aus, warum interessiert es Sie?
Ich wusste als Jugendlicher nicht, ob ich Maler oder Fotograf werden sollte. Mit der Lochfotografie habe ich mein ideales Medium gefunden, denn hier malt in gewisser Weise das Licht, sichtbar werden Prozesse der Zeit. Das zeigt sich ganz besonders bei den Langzeitbelichtungen, denen ich mich seit einiger Zeit widme.
Sie nennen diese Bilder „Herrografie“.
Ja, dabei wird in Lochkameras lichtempfindliches Papier verwendet – doch sonst verzichte ich auf alles, was die Fotografie ausmacht: die Kontrolle über Licht und Zeit und die Entwicklung des Bildes durch Chemie. Wenn die Sonne scheint, entsteht sofort ihr Abbild als Punkt, dann erscheint auf dem Papier ihre Tagesbahn, Tag für Tag eine andere Linie und erst in der Folge treten Details des Motivs in Erscheinung. Ich nenne diese Werkgruppe „Grenzenlose Zeit“, weil man theoretisch bis in alle Ewigkeit belichten könnte. Doch ich bin neugierig und begrenze den Prozess – ich will ja schließlich noch erleben, was entstanden ist.
Was ist denn Ihr aktuelles Projekt?
Ich beschäftige mich mit filmischen Möglichkeiten, neue Zugänge zu den stillen Bildern der Fotografie zu schaffen. Mit einem digitalen Schnittprogramm habe ich aus dem gesamten Schaffen bisher etwa 25 thematische Bild-Sequenzen gestaltet, mit Kommentaren und Zitaten verknüpft und mit ausgewählter Musik von Bach bis Pärt emotional aufgeladen. Aus diesen „Bausteinen“ stelle ich unterschiedliche Programme zusammen für Live-Aufführungen in Theatern, Kirchen, Sälen oder im Rahmen von Ausstellungen. Diese Retrospektiven meiner Fotografie aus über sechs Jahrzehnten spiegeln die Magie von Licht, Raum und Zeit im Wandel stilistischer Positionen wider.
Vielen Dank für das Gespräch!
Susanne Burmeister
Mitglied im Verband BBK-MV
Verlag »Edition herre«
Ausstellungen
Internationale Projekte
Filmische Sequenzen
www.edition-herre.de
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